Tradition in der Nische
Wasserseitig stehen ein Kranliegeplatz und ein Ponton für die Be- und Entladung von See- und Binnenschiffen zur Verfügung.
© Louis Hagel

Tradition in der Nische

Louis Hagel gehört seit Jahrzehnten zur festen Größe im Hamburger Hafen. Das auf den Umschlag von Düngemitteln spezialisierte Unternehmen würde gern seine Fläche erweitern.

Während sich viele Familienunternehmen um ihre Nachfolge sorgen, würde Geschäftsführer Horst Hagel mit dem Hafenbetrieb Louis Hagel gern wachsen. Denn auf dem 13.000 Quadratmeter „kleinen“ Grundstück im Herzen des Hamburger Hafens wird längst jeder verfügbare Quadratmeter so effizient wie möglich genutzt. Dadurch konnte der Hafenumschlagsbetrieb allein im vergangenen Jahr rund 800.000 Tonnen umschlagen, zahlreiche Seeschiffe aus aller Welt abfertigen, diverse Güterzüge ent- und beladen sowie rund 10.000 Lkw beladen

"Mein Großvater

hat die Firma schon

1872 gegründet."

Horst Hagel

Geschäftsführer von Louis Hagel
mit Sandra Reidock

Als offizielles Gründungsdatum gilt zwar 1878, doch eigentlich gibt es den Hamburger Hafenbetrieb Louis Hagel noch länger. „Mein Großvater hat die Firma schon 1872 gegründet, aber der Eintrag ins Handelsregister wurde erst 1878 nachgeholt“, erzählt Geschäftsführer Horst Hagel. Das als Fuhrwerksbetrieb gegründete Unternehmen, das einige Jahre später um die Sparte Möbeltransporte erweitert wurde, setzte bereits seit 1900 auf die Spezialisierung Hafenumschlag rund um Massengut im Harburger Binnenhafen.

Anfang der 1920er-Jahre konnten hier 100 Eisenbahnwaggons pro Tag im Schichtbetrieb abgefertigt werden. Bis zum Zweiten Weltkrieg verfügte das Unternehmen mit zahlreichen Stallungen und Möbelspeichern, rund 60 Pferden, 90 Roll- und Möbelwagen, Lastwagen und Treckern, zehn elektrischen Kränen sowie 6.500 Quadratmetern überdachter Lagerfläche und zwei Geschäftshäusern über erhebliche Kapazitäten. Seitdem wurde dieses für den Hamburger Hafen wichtige Segment immer wieder neu ausgerichtet.

So zog das Unternehmen 1968 aufgrund der mangelnden Wassertiefe und der immer größer werdenden Schiffe von seinem damaligen Standort im Harburger Binnenhafen an den Reiherstieg mit damals acht Meter Wassertiefe. Hier wurde über viele Jahre trockenes und fließendes Massengut wie Getreide, Kohle, Dünger und Erze sowie Ölsaaten und Futtermittel abgewickelt. Inzwischen hat sich das Unternehmen auf Düngemittel spezialisiert.

 

Ursprünglich hatte allerdings gar nicht Horst Hagel, sondern dessen zwölf Jahre älterer Bruder das Familienunternehmen übernommen. Als dieser sich verschuldete, übernahm Hagel, der als gelernter Reederei- und Schiffsmakler zuvor über zehn Jahre bei der Commerzbank gearbeitet hatte, im Alter von 47 Jahren den Familienbetrieb, sanierte diesen und baute ihn bis zum heutigen Tage stetig aus.

Ein Mehrgenerationenbetrieb

Seit über 30 Jahren führt Hagel nun in der dritten Generation zunächst zusammen mit seiner Frau Gisela das Unternehmen, seit den 1990er-Jahren mit seinen Töchtern Sandra Reidock, Catharina Kunz und seinem Sohn Philip Hagel. Unter den insgesamt fünfzehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist inzwischen die fünfte Generation mit zwei Enkeln tätig. Eine feste Aufgabenverteilung gibt es im Traditionsbetrieb jedoch nicht. „Hier macht jeder alles“, unterstreicht Reidock.

Und auch Hagel ist trotz seiner 84 Jahre noch täglich im Betrieb, macht weiterhin wenig Urlaub und blickt von seinem Büro im ersten Stock des vor vier Jahren aufgestockten Hauses auf das maßgeblich von ihm zu seiner heutigen Bedeutung als Terminal für Düngemittel weiterentwickelten Familienunternehmen.

„Seeschiffe mit
einer Länge bis
zu 220 Metern
können beladen werden.
"

Am Tag des Besuchs sieht er aus dem südlichen Fenster des Bürogebäudes einen Zug mit 1.700 Tonnen Düngemitteln von Domo Caproleuna aus Leuna in Sachsen-Anhalt. In den 26 Waggons befindet sich schwefelsaures Ammoniak, das in der Landwirtschaft benötigt wird, und sie werden gerade von vier Mitarbeitenden entladen. „Am Bildschirm kann ich auf einen Blick sehen, ob alle Abläufe reibungslos funktionieren“, sagt Hagel. Denn natürlich sind auch beim Umschlag von Massengut längst viele Prozesse komplett digitalisiert. „Nur beim Entladen der Ware aus dem Zug braucht es Menschen“, betont Reidock.

Über zwei betriebseigene Bahngleise besteht Anschluss an das Netz der Deutschen Bahn.
© HHM/Claudia Behrend

Die Spezialisierung auf Düngemittel begann in den 1990er-Jahren. Dank der Wiedervereinigung konnte der erste große Kunde, die Stickstoffwerke Piesteritz (SKW) aus Sachsen-Anhalt, gewonnen werden, deren Fabrik rund 400 Kilometer an der Elbe entfernt ist. Durch einen Umschlagsvertrag wurden bereits in den ersten Jahren enorme Mengen für das gesamte Harnstoff Exportgeschäft von SKW über Hagel abgewickelt. So entwickelte sich auch schnell die Forderung nach Lagerraum. „1998 habe ich hier acht Millionen DM investiert, weil ich immer eine Perspektive gesehen habe.“ betont Hagel.

Tradition in der Nische
Louis Hagel verkörpert das Prinzip des Universalhafens, denn Massengut trägt mit einem Anteil von knapp 32 Prozent wesentlich zur Umschlagleistung des Hamburger Hafens bei.
© Louis Hagel

Im Jahr 1998 wurde der heutige Silo 1 errichtet. Bei optimaler Ausnutzung verfügt dieser mit Überschüttung der vier separaten Boxen über ein Fassungsvermögen von insgesamt rund 25.000 Tonnen. Dabei wird über einen Kratzer die Ware im Silo entsprechend dem Schüttkegel hochgeschoben und dadurch schonend und ohne die Bildung von Staub gelagert. Wenn Hagel in östlicher Richtung aus dem Fenster schaut, blickt er auf einen 104 Meter langen schwarzen Ponton mit einer Grundfläche von 2.400 Quadratmetern, der für den Export von Düngemitteln genutzt wird. Nach dem Bau in Belgien wurde er über die Nordsee hergeschleppt.

Da der Ponton am Geburtstag seiner Tochter in Hamburg eintraf, trägt er den Namen Catharina. Damit hat sich die Firma Hagel eine schwimmende Kaimauer gebaut, die auf dem Betriebsgelände nicht vorhanden ist.

Über ein Rohrsystem, das 60 Meter in den Reiherstieg hineinragt, besteht mit Förderbändern eine Verbindung mit dem Schiffsbelader. Dieser steht verfahrbar auf dem Ponton und ermöglicht es, Seeschiffe mit einer Länge bis zu 220 Metern und einer Breite bis zu 28 Metern zu beladen. Die Wassertiefe beträgt hier elf Meter. 2020 wurde hier erstmals ein Schiff mit 40.000 Ladetonnen abgefertigt.,

Blickt Hagel weiter in Harburger Richtung, liegt dahinter der Kranliegeplatz für Seeschiffe und Binnenschiffe. Das Importgeschäft lag zwischenzeitlich brach, weil die Wassertiefe für größere Seeschiffe hier nicht mehr ausreichte. 2014 kam es aber zu einem Win- Win-Geschäft mit der HPA: Die marode Böschung wurde saniert, der Bau eines neuen Krans im tieferen Wasser wurde gefördert. Durch die zusätzliche Investition von rund fünf Millionen Euro können heute ebenfalls Seeschiffe mit einem Tiefgang von bis zu elf Metern abgefertigt werden.

Im April 2024 wurde am Kranliegeplatz erstmals ein Schiff mit 37.000 Ladetonnen abgefertigt. Binnenschiffe können mit einer maximalen Breite von elf Metern und einer Länge von 100 Metern parallel zu einem Seeschiff unterhalb der im Wasser frei stehenden Kranplattform festmachen. Ankommende Ware kann daher sowohl von Bord zu Bord auf See- und Binnenschiffe umgeschlagen, in Silos eingelagert und verwogen auf Lkw sowie in Waggons verladen werden.

Umschlag auf LKW, Waggons und Container

Für das Importgeschäft wird die Ware mithilfe des 12-Tonnen-Greiferkrans über einem Trichter auf Höhe der Kranbrücke aus nur geringer Fallhöhe abgeworfen. Setzt Regen ein, kann der Trichter mittels eines verfahrbaren Dachs per Fernbedienung geschlossen werden. Über ein geschlossenes Förderbandsystem gelangt die Ware schonend an Land und wird zu einer Behälterwaage transportiert, die eine zügige Beladung von Lkw und Waggons ermöglicht.

 

Alternativ kann die Importware in Silo 3 zwischengelagert werden. Der Betonsilo mit zwei identischen Silozellen, in denen jeweils bis zu etwa 10.000 Tonnen Dünger mit bis zu vier verschiedenen Sorten sortenrein gelagert werden kann, wurde 2014 in Betrieb genommen. Zusammen mit Silo 1 und 2 ergibt sich somit eine gesamte Lagerkapazität von etwa 45.000 Tonnen für Düngemittel.

Dass ein Silo leer ist, kommt zwar auch vor, sollte aber nicht missinterpretiert werden. „Wir sind mit unseren Lagerflächen durchgängig von unseren langjährigen Kunden ausgebucht“, unterstreicht Reidock. Dabei reicht die Lagerzeit von einem Tag bis zu sechs Monaten. „Gern hätten wir mehr Lagerfläche, um die Anfragen unserer Kunden erfüllen zu können, und würden dafür auch beträchtliche Summen in den Standort investieren“, betont Hagel.

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Am Kranliegeplatz können Schiffe bis zu einem Tiefgang von elf Metern abgefertigt werden.
© Louis Hagel

Stolz sind die Hagels auf die Sauberkeit auf dem gesamten Gelände. Eine Herausforderung für die Lagerung und den Umschlag sind die korrosiven und hygroskopischen Düngemittel dennoch, denn sie greifen Material an. „Sukzessive haben wir aus diesem Grund auch die meisten Konstruktionsteile aus normalem Stahl durch Edelstahl ersetzt, etwa die Förderbandunterkonstruktion und Teile der Dachkonstruktion durch Holz“, sagt Reidock. Es ginge aber auch noch mehr: „Wir könnten hier die drei- bis vierfache Menge umschlagen und ich wäre auch bereit, hier einen zweistelligen Millionenbetrag zu investieren“, unterstreicht Hagel. Auf dem jetzigen Grundstück sei dies aber aufgrund der begrenzten Fläche nicht möglich. Hagel ist daher an einer Grundstückserweiterung interessiert, was auch seitens der Kunden unterstützt wird. „Der Reiherstieg ist hierfür perfekt geeignet, da er nicht verschlammt und mit einer Wassertiefe von elf Metern auch für die großen Schiffe geeignet ist. Dazu bräuchten wir allerdings mehr Lagerfläche. Deswegen bemühen wir uns schon seit Langem um die Zusage für mehr Grundstücksfläche von der Stadt“, betont Hagel.

Auch Enkel Julian ergänzt: „Ich bin mit diesem Unternehmen groß geworden. Mein Ururgroßvater hat vor mehr als 150 Jahren diesen Betrieb gegründet und jetzt sehe ich hier meine Zukunft. Haben wir jedoch keine Möglichkeit zur Erweiterung unseres Grundstücks, besteht die Gefahr, dass weitere Umschlagsmengen für Hamburg an Wettbewerbshäfen verloren gehen. So haben wir im April vier 30.000-Tonner abgefertigt, die neben Hamburg allerdings noch weitere Löschhäfen wie Antwerpen oder Stettin hatten, da wir nicht über genügend Lagerplatz verfügen“.