Fit wie immer
Der HHLA Schwimmkran „HHLA IV“ transportiert einen der größten Schiffspropeller der Welt.
© HHLA/Dietmar Hasenpusch

Fit wie immer

Die Schwimmkräne der HHLA sind zusammen fast 150 Jahre alt. Wenn es ums Heben geht, sind sie noch genauso kräftig wie am ersten Tag.

Wenn schwere Projektladung im Hamburger Hafen nur schwimmend zum Schiff kommen kann, dann sind die Schwimmkräne der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) gefragt. Sie heben Schiffsschrauben oder Züge ganz zuverlässig erst auf Pontons und anschließend aufs Schiff. Dabei sind die beiden noch im Einsatz befindlichen Kräne schon sehr lange dabei.

Um genau zu sein, hat HHLA III seinen Dienst bereits im Jahr 1941 aufgenommen. Er half zu Beginn beim Bau von Kriegsschiffen. Danach unterstützte er beim Wiederaufbau des zerstörten Hafens. Dort nahmen Mengen und Größen der umzuschlagenden Güter bald wieder zu. HHLA III war als einziger Schwimmkran, der 100 Tonnen heben konnte, im doppelten Sinne schwer beschäftigt. Das Amt für Strom- und Hafenbau ließ deshalb 1957 einen neuen Schwimmkran mit 200 Tonnen Hublast bauen, der heute als HHLA IV fährt.

In den 60er-Jahren gingen die Schwimmkräne – die man im Hafen fachsprachlich Krane nennt – in den Besitz der HHLA über. Sie funktionieren als unbegrenzt drehbare Doppellenker-Wippkräne, deren stabiles Gestänge die horizontale Lastführung gewährleistet. Der höher aufragende HHLA III kann „nur“ 100 Tonnen heben, bringt es aber durch seine bemerkenswerte Höhe von 76 Metern zu einem Hubweg von 48 Metern. HHLA IV muss als jüngster die schwersten Kolli im Hafen anpacken. Der etwas kompaktere Gigant hebt bis zu 200 Tonnen und wiegt selbst 2.750 Tonnen. Trotzdem lässt sich der rechteckige Ponton selbst voll beladen noch millimetergenau steuern. Unter den Propellern der Backbord- und Steuerbordmaschinen liegen vertikal verstellbare Messer, die feine Kurskorrekturen mit geringstem Schub umsetzen können.

 

HHLA IV hebt

bis zu 200 Tonnen

und wiegt

selbst 2.750 Tonnen.

 

 

Damit das auch in den kommenden Jahren noch so bleibt, erhielt HHLA IV im vergangenen Jahr ein Retrofitting. „Das ist die erste ganz große Sanierung für HHLA IV nach sieben Jahrzehnten im Betrieb“, sagt Stephan Fröhlich, Leiter Schwimmkräne der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), und ergänzt: „Das Projekt läuft auf Grundlage der originalen Bau- und Schaltpläne aus den 1950er-Jahren ab. Für mindestens 15 weitere Betriebsjahre soll die Maßnahme sorgen.“ Dann hätte der Kran schon den 80. Geburtstag gefeiert, als ein gutes Beispiel für gelebte Nachhaltigkeit bei der HHLA. Denn der Bau eines neuen Krans würde bei einem so großen Gerät einen enorm hohen Energieund Materialaufwand bedeuten.

Im September 2023 leuchtete die Sonne über dem Hamburger Hafen. Schon von Weitem war zu sehen, dass umfangreiche Arbeiten an dem Spezialschiff stattfanden. Der Aufbau war eingerüstet und mit Folie verhüllt. Den Ausleger hatte bereits im Sommer 2023 HHLA III gemeinsam mit Mobilkränen abgenommen. Damals war die bewegliche Konstruktion in fünf Segmenten am Kai deponiert.

Der Unterlenker lag unter einem Zelt mit Wellblechdach. Im Schutz der mobilen Halle wurde die historische Stahlkonstruktion gründlich überholt: Runter mit den Spuren des Betriebs und der alten Farbe, anschließend notwendige Reparaturen ausführen, dann neuen Korrosionsschutz auftragen. Auch die riesigen Lager werden bei der Gelegenheit erneuert. Am Turm auf dem selbstfahrenden Ponton finden im Schutz der Abdeckung die entsprechenden Arbeiten statt.

Für die HHLA lohnt sich der ganze Aufwand der Kransanierung, denn die Konstruktion aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ist nach wie vor optimal geeignet für bestimmte Aufgaben im Hafen. Im Universalhafen werden Schwerlasten mit übergroßen Gewichten und Abmessungen umgeschlagen. Dazu gehören beispielsweise Schiffspropeller, die mehr als 100 Tonnen wiegen können, und Komponenten großer Offshore-Windanlagen. Dann kommt die Zeit der Schwimmkräne. Sie können schwerste Lasten extrem flexibel aufnehmen, selbstfahrend transportieren und auch auf den riesigen Containerschiffen sicher verstauen. Bei den ganz großen Aufträgen arbeiten die Kräne sogar im Tandemhub zusammen. „Dass unsere Kräne sich um 360 Grad drehen lassen, ist heute fast schon einzigartig im Schwergutumschlag in Häfen“, sagt Heinrich Proes über die besonderen Fähigkeiten der Oldtimer.

Möglich macht das die klassische Bauweise: Ein kegelförmiger Turm in Stahlfachwerkkonstruktion ist fest mit dem Ponton verbunden. Darüber stülpt sich der unendlich drehbare Aufbau wie eine Haube. In dessen oberem Bereich sitzen die Lager der Auslegerkonstruktion mit Unterlenker (Drucklenker) und Oberlenker (Zuglenker). Vorn ergänzt die Auslegerspitze die Geometrie, hinten die Gegengewichtswippe. Im Zusammenspiel nehmen unterer Drehkranz und Spitze der Tragkonstruktion die vertikalen und horizontalen Kräfte auf. Für die Übertragung der elektrischen Energie und der Steuersignale zwischen Aufbau und Schiff sorgt eine ganze Batterie von Schleifringen im Herz des Aufbaus. Ein ähnlicher Aufbau findet sich auch bei HHLA III. Der Schwimmkran wurde schon etwas früher im Jahr 2023 wieder fit gemacht und kam unter die Lupe der Prüfer. Gleich zu Jahresbeginn wurde der hoch aufragende Ausleger, der die meisten Anlagen im Hafen überragt, demontiert, der Rest wurde sandgestrahlt und lackiert. Per Schiff kamen neu angefertigte Teile aus Polen, das schwerste wog 65 Tonnen. Mit Unterstützung von HHLA IV wurden die Druck- und Zuglenker, Auslegerspitze und Schwinge ausgeladen. An Land musste das übergewichtige Puzzle mit Mobilkränen wieder zusammengesetzt und montiert werden, inklusive sämtlicher Rollen, Lager, Aufstiege und Stahlseile, von denen jedes vier Zentimeter dick und 500 Meter lang ist.

Im Februar dann hob die 71 Jahre alte Lady vor den Augen der Prüfer des DNV und von der Berufsgenossenschaft 110 Tonnen – 10 Tonnen mehr als das übliche Höchstgewicht –, ohne zu ächzen. Sie erfüllt weiterhin alle Sicherheitsanforderungen, der DNV überwachte jeden Reparaturschritt, prüfte alle Schweißnähte und Verkabelungen.

Jetzt liegen die Schwimmkräne oft wieder neben Großcontainerschiffen und verladen Lasten, die für Containerbrücken zu schwer sind. Für ihre Lagerung gibt es genug Platz am Hachmannkai. „Der Standort ist ideal“, sagt Fröhlich. „Die Kräne liegen direkt neben dem HHLA Container Terminal Tollerort, wo wir oft Schwergüter auf die Containerschiffe verladen. Und genau gegenüber im Vorhafen liegt Blohm & Voss, daneben montiert MAN Schiffsdiesel. Beides sind Kunden.“ Die alten Ladys werden dort bestimmt nicht einrosten

Die ersten Schwimmkräne sind sehenswert

Zur Schwimmkranflotte gehörten bis in die 80er-Jahre noch zwei 30-Tonner: HHLA I und HHLA II. Sie wurden 1928 von Hamburger Weltfirmen gebaut, die heute beide nicht mehr existieren: der Deutschen Werft und dem Kranhersteller Kampnagel. 1986 wurde HHLA I dem Museumshafen Ovelgönne übergeben, wo man ihn immer noch besichtigen kann. Er brachte es als damals ältester aktiver Kran des Hamburger Hafens auf mehr als 100.000 Einsatzstunden. Zuletzt sah man nur eine gut eingepackte Silhouette, unter der umfangreiche Restaurierungen stattfanden.