Der Wandel im Handel
Die traditionellen Warengruppen im Handel mit den Staaten des südamerikanischen Kontinents sind im Begriff sich zu ändern. Mit der Energiewende...

POHM: Boris, du lebst mit deiner Familie in Hamburg. Welche Bedeutung haben diese Stadt und ihr Hafen für dich?
Boris Herrmann: Hamburg ist unser Tor zur Welt – im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist mein Heimathafen und gleichzeitig Ausgangspunkt für meine Segelregatten. Wir können hier über das Hamburger Netzwerk mit Unternehmen unsere Projekte starten – unsere Rennen, aber auch alles, was damit zusammenhängt: die Bildungskampagne, unsere Nachhaltigkeitsambitionen und Wohnprojekte. Das geht alles von Hamburg aus. Ohne den Support und die tollen Leute hier in Hamburg würden viele Dinge gar nicht erst starten können.
Du bist nun schon mehrmals um die Welt gesegelt – zuletzt gerade wieder zum Jahreswechsel im Rahmen der Vendée Globe. Im Vergleich dazu ist eine Atlantiküberquerung quasi ein Katzensprung. Erinnerst du dich noch an deine erste Atlantiküberfahrt unter Segeln?
Ja, sehr gut. Das war im Jahr 2001 – gestartet sind wir am 12. September, unmittelbar nach den Terroranschlägen in den USA. Ich kam vom Hotel, ging am Kiosk vorbei zum Hafen in La Rochelle, und da sah ich auf den Zeitungen diese brennenden Türme. Ich habe das nur flüchtig wahrgenommen, war in meinem Tunnel, fokussiert auf das Rennen. Damals hatten wir noch keine Satellitenverbindung – das war bei diesem Rennen sogar verboten. Man war also wochenlang isoliert auf See. Ich hatte einen Weltempfänger dabei, um meine Wettervorhersagen zu hören, und habe darüber BBC und den Deutschlandfunk empfangen, die auf Langwelle senden. So konnte ich auch hören, was damals nach den Anschlägen geschehen ist. Ich bin also in mehrfacher Hinsicht in einer anderen Welt angekommen, als ich losgefahren bin. Insgesamt war es ein riesiges Abenteuer für den damals 19-jährigen Boris.
Was macht den Reiz einer Atlantikquerung beziehungsweise den Mythos Atlantik aus?
Es ist einfach ein tolles Meer zum Segeln. Es gibt fast überall Wind, viel Platz und einen klaren Windzyklus – mit den Westwinden im nördlichen Teil des Atlantiks und den Passatwinden im südlichen Teil. Man kann dadurch sogar eine Art Rundfahrt machen: Erst von Ost nach West in die Karibik, dann im Norden von West nach Ost zurück. So kann man mit überwiegend Rückenwind hin- und hersegeln. Aber es ist auch faszinierend, gegen die vorherrschende Windrichtung über den Nordatlantik zu segeln. Ich bin sicher schon 15 bis 20 Mal hin- und hergesegelt – und habe dabei tolle Eindrücke und Erinnerungen gesammelt. Der Atlantik ist die große weite Welt – aber für mich mittlerweile fast so etwas wie ein Heimatrevier.
Habt ihr denn für dieses oder nächstes Jahr bereits wieder Transatlantikregatten im Kalender?
Ja, dieses Jahr segeln wir ein Rennen namens „Transat Jacques Vabre“ – eine Zweihandregatta von Le Havre nach Martinique. Im Jahr darauf, also 2026, segeln wir von New York nach Barcelona – beim „Ocean Race Atlantic“.
Du hast es auch schon erwähnt: Du beziehungsweise ihr als Team engagiert euch stark für den Umweltschutz, insbesondere den Schutz der Meere. Wo liegt dabei euer Schwerpunkt?
Wir verfolgen zwei Ansätze. Zum einen vermitteln wir eine generelle Botschaft zum Klimaschutz – und Klimaschutz bedeutet eben auch Meeresschutz. Denn eine der massivsten planetaren Veränderungen durch den Klimawandel betrifft die Ozeane. Die Erderwärmung – verursacht durch das anhaltende Verbrennen von fossilen Brennstoffen und die Emission von Treibhausgasen – verändert die Ozeane besonders stark. Sie nehmen den Großteil der Wärmeenergie auf und dämpfen somit den Klimawandel. Das ist eine zentrale Botschaft, die wir mit unserem Bildungsprojekt und in der Öffentlichkeitsarbeit gemeinsam mit unseren Partnern vermitteln. Wir versuchen aufzuzeigen, welche Bedeutung die Ozeane im Zusammenhang mit dem Klimawandel haben – und rufen dadurch zu ambitionierterem Klimaschutz auf …
… und wie sieht dann euer zweiter Ansatz aus?
Wir unterstützen die Wissenschaft, indem wir entlang unserer Segelrouten die CO₂-Konzentration im Ozean messen – mit einem automatisierten Labor an Bord. Diese Messdaten sind sehr wichtig für die Forschung, um den Klimawandel besser zu verstehen: Wie viel CO₂ nehmen die Ozeane auf – und wo geben sie es auch wieder ab? Diese Bilanz ist noch relativ ungenau in der Klimaforschung und die internationale Forschungsgemeinschaft hat das Ziel, diese Ungenauigkeit zu verringern.
Heute ist es so: Wenn man den Ozean in ein Raster von 120 x 120 Kilometern unterteilt – also etwa ein Grad geografischer Länge und Breite –, hätte man in diesem Raster pro Monat nur für etwa ein Prozent der Oberfläche Messdaten. Das Ziel ist es, diesen Wert auf mindestens zehn Prozent zu erhöhen – also deutlich mehr Informationen zu gewinnen. Und genau hierzu tragen wir aktiv bei. Unsere Daten sind besonders wichtig, weil wir durch die Südmeere segeln – durch Regionen, in denen sonst keine Daten erhoben werden, weil dort keine Schiffe verkehren.
Und das wirkt sich auch konkret auf wissenschaftliche Einschätzungen aus?
Ja, absolut. Der Einfluss ist gewaltig. Wenn man unsere Daten in die Modelle einspeist oder eben nicht, ändern sich die Ergebnisse um bis zu zehn Prozent. Wir werden sogar in den großen jährlichen wissenschaftlichen Publikationen als „Main Contributor“ genannt. Darauf sind wir sehr stolz.

Ihr habt auch die Initiative „My Ocean Challenge“ gegründet. Damit sorgt ihr dafür, dass auch Kinder und Jugendliche mehr über den Meeresschutz erfahren?
Genau. Die Initiative basiert auf einer Erfahrung meiner Frau, die zehn Jahre lang Lehrerin an der Stadtteilschule Stellingen in Hamburg war. Sie hat meine Segelregatten mit ihren Klassen verfolgt und gemerkt, wie sehr die Kinder darauf angesprungen sind – auf das Abenteuer, auf das Besondere, auf eine Person mit einem Gesicht und einem Namen. Auch der Wettkampfgedanke hat sie fasziniert. Da hatte meine Frau das Gefühl: Daraus lässt sich etwas machen. Man kann den Kindern anhand dieser Geschichte etwas über die Ozeane beibringen – über Geografie, Meereslebewesen und ökologische Zusammenhänge.
Zu den Unterstützern von Team Malizia zählen ja auch Reedereien wie Hapag-Lloyd und MSC, die auch für den Hamburger Hafen eine wichtige Rolle spielen. Glaubst du, dass die Nutzung von Wind in der Frachtschifffahrt künftig wieder an Bedeutung gewinnen wird?
Ich bin seit 2019 Mitglied im Nachhaltigkeitsbeirat von Hapag-Lloyd und habe dort immer wieder das Thema „Segelzusatzantrieb“ angesprochen – nicht im Sinne von klassischem Segeln, sondern mit modernen, computergesteuerten Wingsails auf Frachtschiffen. Mittlerweile ist eine interne Arbeitsgruppe bei Hapag- Lloyd entstanden, die ein Frachtschiff mit Segelantrieb entwickelt. Das Projekt ist seit zwei Jahren in Planung und wird auch bereits öffentlich präsentiert und diskutiert. Diese Segeltechnologie kann bis zu 15 Prozent Treibstoff einsparen – bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Knoten auf einer geeigneten Route, zum Beispiel über den Atlantik.
Werden solche Schiffe kommen?
Das wäre aus meiner Sicht spektakulär und ein Meilenstein. Denn bei all den verschiedenen Effizienzmaßnahmen in der Schifffahrt – neue Propeller, spezielle Anstriche, optimierte Rumpfformen – sprechen wir meistens von Einsparungen im Bereich von 2 bis 5 Prozent. Die Schiffe mit Segeltechnologie dürfen nicht plötzlich langsamer werden oder Termine nicht mehr einhalten können. Sie haben daher einen hybriden Antrieb – Motor und Segel – und fahren weiterhin termingerecht. Die Route wird unter Berücksichtigung der Windbedingungen optimiert – gesteuert mit modernen Klimadaten und statistischem Routing. So kann man heute ziemlich genau berechnen, wie groß auf einer bestimmten Route die Einsparpotenziale sind – basierend auf einem Zehnjahresmittel.
Da gibt es doch sicher eine Parallele zu eurem Segelsport, oder?
Absolut. Im Segelsport arbeiten wir ständig mit Klimamodellen – zum Beispiel beim Design unserer Boote oder bei der Wahl des Equipments für die jeweiligen Rennen. Wir analysieren genau: Welche Segel nehmen wir mit? Welche durchschnittlichen Winde sind zu erwarten? Welche Wellenrichtung? Welche Kreuzseen? Alles wird im Detail untersucht – genauso, wie man es für die Frachtschifffahrt tun kann, um das Optimum rauszuholen.

Sammelt ihr dabei auch Daten, die Wettermodelle für die Frachtschifffahrt verbessern könnten?
Nein, das machen wir nicht selbst – dafür wäre der Aufwand zu groß. Aber es gibt hervorragende Wetterdaten großer Institute, und natürlich auch die globalen Wettermodelle. Zusätzlich arbeiten die meisten Reedereien mit spezialisierten Anbietern zusammen, die solche Daten bereitstellen. Was spannend ist: Aus unserer Community sind Start-ups hervorgegangen, die auf Basis unserer Erfahrungen und Technologie Werkzeuge entwickelt haben, mit denen man statistisches Routing betreiben kann. Man nimmt dann die Leistungsdaten eines konkreten Schiffs – beispielsweise ein 280 Meter langes Hapag-Lloyd-Schiff mit sechs Segeln – und simuliert, wie viel Treibstoff bei bestimmten Windverhältnissen eingespart werden kann. Dabei werden Windstärke, Einfal lswinkel, gewünschte Geschwindigkeit und Maschinendrehzahl berücksichtigt.
Was geschieht dann?
Diese Daten werden dann mit Klimamodellen kombiniert – zusammen mit Infos zu Wellenhöhen, Meeresströmungen und Jahreszeiten – und so kann man für eine konkrete Route von Hafen A nach Hafen B ziemlich genau vorhersagen, welche Einsparung realistisch ist. Das kann man natürlich nicht von Hand machen – dazu braucht es Software, und genau solche Anwendungen haben sich aus dem Segelsport heraus entwickelt und finden heute in der Frachtschifffahrt Anwendung.
Anfang des Jahres haben die Medien über das erste kommerzielle Frachtsegelschiff berichtet – ein RoRo-Schiff, das zwischen Frankreich und den USA fahren soll. Ist das Revier Atlantik deiner Einschätzung nach für ein solches Projekt besonders gut geeignet?
Ja, absolut. Der Atlantik ist hervorragend geeignet, weil es dort in der Regel gute Windbedingungen gibt. Und weil man auf einer Route West-Ost oder Ost-West auch gut vom direkten Kurs abweichen kann, um Windverhältnisse optimal zu nutzen. Nehmen wir mal eine typische Atlantiküberquerung: Etwa 3.000 Seemeilen. Wenn ich 10 Prozent vom Kurs nach Norden oder Süden abweiche, habe ich schon 200 Seemeilen Spielraum. Mit diesem Spielraum kann ich gezielt durch ein Tiefdruckgebiet segeln, nördlich oder südlich ausweichen und so für bessere Windbedingungen sorgen. Das geht auf offener See sehr gut. Wenn man dagegen entlang einer Küste fährt, ist man viel stärker auf den Wind angewiesen, wie er eben kommt.
Zum Schluss noch einmal zurück zu euch als Team Malizia. Die aktuelle „Seaexplorer“ ist verkauft – wie sehen eure Pläne für die nächsten vier Jahre aus?
Ja, das Schiff ist verkauft – aber es wird erst Ende des Jahres übergeben. Das heißt, wir sind dieses Jahr noch mit dem aktuellen Boot unterwegs. Am 10. August starten wir in Kiel zur „Ocean Race Europe“-Regatta. Nächstes Jahr segeln wir dann die Transatlantik- Regatta von New York nach Barcelona. Und im übernächsten Jahr steht das „Ocean Race“ auf dem Plan. 2028 folgt dann wieder die Vendée Globe.
Das heißt, ihr baut dafür dann eine neue „Seaexplorer" für die kommenden Rennen?
Genau.
Die wird dann hoffentlich wieder in Hamburg getauft werden?
Das hoffe ich auch. Die Taufe 2022 hier in Hamburg war etwas ganz Besonderes – im September, mit Blick auf den Hafen. Das sind tolle Erinnerungen.
Das sehen viele Hamburgerinnen und Hamburger sicher auch so und hoffen auf ein Wiedersehen. Bis dahin und danke dir für das Gespräch.
Boris Herrmann begann seine professionelle Offshore-Segelkarriere 2001 als jüngster Teilnehmer der Mini-Transat-Regatta. Seitdem hat er 6-mal die Welt umrundet. Im Jahr 2020 nahm er als erster Deutscher überhaupt an der Vendée Globe teil und belegte den 5. Platz. Nach dem Stapellauf der neuen Malizia-Seaexplorer im Jahr 2022 belegte er mit seinem Team Malizia den 3. Platz im The Ocean Race, gewann zwei Etappen und brach den Rekord für die 24-Stunden- Distanz. 2024-2025 nahm er an seiner zweiten Vendée Globe teil und belegte den 12. Platz.
Boris Herrmann und sein Team Malizia betreiben seit 2018 die Kampagne „A Race We Must Win - Climate Action Now!“, die Segeln, Wissenschaft und Bildung verbindet. Seitdem hat der deutsche Skipper ein Labor an Bord seines Bootes, das wertvolle CO2-, Temperatur- und Salzgehaltsdaten des Ozeans misst. Diese Daten werden von Wissenschaftlern auf der ganzen Welt genutzt, um die Rolle des Ozeans beim Klimawandel besser zu verstehen, und sie sind wertvoll, da die Malizia-Seaexplorer in den entlegensten Gebieten der Welt segelt, in die fast keine Forschungsschiffe fahren. Durch das preisgekrönte Programm „My Ocean Challenge“ klärt sein Team Malizia außerdem Kinder in aller Welt über den Ozean und den Klimawandel auf.