Faszination Atlantik
Der deutsche Profisegler Boris Herrmann hat den Atlantik viele Male unter Segeln überquert. Im Gespräch mit POHM-Redakteur ...

POHM: In den vergangenen Jahren haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika als zweitstärkster Handelspartner im Hamburger Hafen etabliert. So reihte sich ein Umschlagrekord an den nächsten. Sind diese Zeiten vorbei?
Prof. Langhammer: Das könnte der Fall sein, wenn denn die amerikanische Regierung so weitermacht. Die Exportwirtschaft ist komplett verunsichert. Niemand weiß, was der Präsident als Nächstes verkündet. So eine Politik, die auf Verunsicherung der Partner abzielt, ist Gift für den weltweiten Handel.
Was bezweckt denn Donald Trump mit seinem Verhalten?
Handelsbilanzdefizite, von denen er ja besessen ist, beseitigt werden. Dafür setzt er auf zwei Instrumente: Einerseits will er Importe behindern und anderseits die eigenen Exporte steigern. Für Letzteres benötigt er einen schwachen Dollar.
Beginnen wir beim Export. Welche Möglichkeiten hat er, den eigenen Export anzutreiben?
Wie bereits erwähnt, will er durch einen schwachen Dollar den Export von Industriegütern befördern. Bisher sind viele dieser Waren im weltweiten Handel sowohl qualitativ als auch preislich nicht wettbewerbsfähig. Deswegen wird in seinem Beraterstab auch die Idee verfolgt, dass unter Umständen andere Länder gezwungen werden sollen, den Dollar zu schwächen. Das kann durch eigene Wechselkursmanipulation gelingen, also durch Eingriffe an den Devisenmärkten gegen den Dollar. Problemtisch bleibt hier, dass der Dollar mangels Alternativen weiterhin eine Safe-Haven-Funktion besitzt. Das stärkt tendenziell die Währung. Diese Funktion als globale Reservewährung stört ihn im Grunde. Damit bricht er mit der Tradition all seiner Vorgänger, die stets sagten: „Es ist unsere Währung, euer Problem.“ Das war deren Sicht: „Wir machen unsere Geldpolitik ohne Rücksicht auf eure Interessen.“ Jetzt könnte er von der Welt verlangen, dass sie aktiv dazu beiträgt, den Dollar zu schwächen.

Wozu könnte dann eine Schwächung der Währung führen?
Es könnte neben der Fragmentierung der Gütermärkte auch zu einer Fragmentierung der Finanzmärkte führen, in deren Verlauf der Dollar seine Reservewährungsfunktion als globale Währung – derzeit werden noch etwa 57 Prozent der weltweiten Devisenreserven in Dollar gehalten – allmählich einbüßt. Dies geschieht nicht nur, weil sich die Zentralbanken vom Dollar lösen, indem sie Gold kaufen, sondern auch, weil sie sich anderen Währungen zuwenden. Das ist eine sehr sorgenvolle Entwicklung. Denn es ist – auf gut Deutsch – eine Schnapsidee, zu hoffen, dass man mit einem schwachen Dollar die amerikanischen Industriegüterexporte wieder sehr wettbewerbsfähig macht. Die Amerikaner sind und werden auch kein großer Exporteur von Industriegütern mehr. Der Zug ist längst zugunsten der Schwellenländer wie China und anderer Industriestaaten abgefahren. Die USA exportieren Dienstleistungen – da sind sie sehr erfolgreich –, aber nicht im Industriegüterbereich.
Und doch will der amerikanische Präsident gerade hier wachsen.
Noch mal: Es ist nicht zu erwarten, dass die Amerikaner im Industriegüterbereich ein nennenswerter Akteur im globalen Güterhandel werden – abgesehen von einigen Agrarprodukten, in denen sie stark sind, etwa Sojabohnen. Zudem werden sie weiterhin bei den Waffenexporten und im Bereich der fossilen Energieprodukte wie Flüssiggas erfolgreich sein. Aber auch das sind politische Geschäfte.
Dann bleibt ihm als weiteres Instrument eigentlich nur noch, den Import von Gütern zu behindern. In den vergangenen Monaten hat die Welt erlebt, dass er mit zusätzlichen Zöllen sein Ziel diesbezüglich erreichen möchte. Kann er damit erfolgreich sein?
Nein, denn die Importzölle behindern die Exporte. Das ist Thema jeder außenwirtschaftlichen Vorlesung: Ein Importzoll wirkt wie eine implizite Besteuerung der Exporte. Das geschieht einerseits über die Verteuerung der Vorleistungen und andererseits dadurch, dass die geschützten Sektoren viel mehr Ressourcen für sich beanspruchen, als sie es normalerweise täten – Ressourcen, die dem Exportsektor dann fehlen. Seine Zollpolitik wirkt also dem selbst gesetzten Ziel völlig entgegen.
Das sieht er aber nicht ein. Anders ist es nicht zu erklären, dass er nach den deutlich negativen Reaktionen der Finanzmärkte auf seine sogenannten „reziproken“ Zölle zwar eine Pause im Zollkonflikt mit China eingelegt hat und diese Zölle auch für die anderen Länder vorübergehend aussetzt, aber weiterhin überall deutlich höhere Zölle erhebt als vor dem 2. April 2025. Es ist also nicht Einsicht, was ihn treibt, sondern Taktik.
Welche gesamtwirtschaftlichen oder weltweiten Auswirkungen hätte es, wenn sich dieser Handelskrieg weiter zuspitzt?
Nun, ich nenne ein Beispiel: Im Januar dieses Jahres veröffentlichte der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft – die lag bei etwa 3,3 Prozent. Interessant war dabei, dass in dieser Prognose die sogenannten Upside- Risiken, also Chancen für ein besseres Wachstum, auf Seiten der USA verortet wurden. Das war zu einem Zeitpunkt, als Trump bereits wiedergewählt war, und es hieß: Gut, er kurbelt die Konjunktur in den USA an – das könnte auch global positive Effekte haben.
Der Fall ist nicht eingetreten.
Genau, nur drei Monate später ist diese Einschätzung komplett obsolet. Auf der April-Tagung des IWF wurde diese Prognose deutlich revidiert – und zwar mit umgekehrten Vorzeichen. Die Risiken für eine schlechtere Entwicklung liegen jetzt ebenfalls auf amerikanischer Seite. Mit anderen Worten: Das IWF geht nur noch von einem weltweiten Produktionswachstum von 2,8 Prozent aus. Das ist, inklusive der Schwellenländer, ein deutlicher Rückschritt und ein erheblicher Schlag für die Weltwirtschaft. Und das unabhängig davon, dass das BIP in Deutschland in diesem Jahr ohnehin stagniert.
Gibt es weitere Faktoren für eine schwächelnde Weltwirtschaft?
China ist da ein weiterer Faktor. Das Land wächst längst nicht mehr so dynamisch wie früher. Das ist völlig normal. Die Zeit des raschen aufholenden Wachstums ist für ein Land wie China, das sich dem Niveau von Hocheinkommensländern nähert, vorbei. Unabhängig davon sehen wir dämpfende Entwicklungen wie deflationäre Tendenzen, Jugendarbeitslosigkeit, Alterungsprozesse, sinkenden Produktivitätszuwächse und enorme Überkapazitäten – ausgelöst durch eine Politik, die Produktion subventioniert, statt den Konsum zu fördern. Das rächt sich jetzt. Präsident Xi Jinping hält traditionell wenig von der Förderung des privaten Konsums durch mehr Freizeit und höhere Löhne – das stellt sich nun als Wachstumsbarriere heraus.
Gleichzeitig befindet sich das Land trotz der Streitpause noch immer im Handelsstreit mit den USA. Welche Konsequenzen wird es haben, wenn China mit einem Exportstopp „Seltener Erden“ weitermacht?
Was die Exportpolitik Chinas betrifft – insbesondere das Thema „Seltene Erden“ –, ist die Lage weiterhin heikel. Es handelt sich hierbei nicht um bloße Drohungen, China hat Fakten geschaffen und Exporte in diesem Bereich eingeschränkt. Das kann weitreichende Auswirkungen auf uns und auf die Weltwirtschaft insgesamt haben.
Welche wären das?
Dieser Stopp kann noch immer zu einem Preisschock führen – die Preise würden rasch steigen und kurzfristig Produktionen unwirtschaftlich machen. Auf längere Sicht gibt es natürlich Substitutionsprozesse: neue Lieferquellen, technische Alternativen. Die Industrie versucht bereits, „Seltene Erden“ durch andere Materialien zu ersetzen – allerdings sind das alles langfristige Entwicklungen. Kurzfristig wäre es auf jeden Fall ein Schock.
Lässt sich das denn irgendwie aufhalten?
Das ist problematisch. Denn China hat ja diese Exportblockade gegen viele Länder verhängt. Wahrscheinlich will das Land so vermeiden, dass die Rohstoffe doch in die USA gelangen, denn Märkte verhalten sich wie Wasser – das heißt, Produkte fließen dorthin, wo sie am meisten nachgefragt werden. Wenn Europa etwa Zugriff auf „Seltene Erden“ erhält, dann lässt sich kaum verhindern, dass diese – direkt oder indirekt – auch in die USA gelangen.
Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass die USA am kürzeren Hebel sitzen?
Ja, die Chinesen behalten in diesem Bereich den strategischen Vorteil, weil sie die sogenannten Upstream-Produkte kontrollieren – also die rohstoffnahen Komponenten, die am Anfang der Wertschöpfungskette stehen und unabdingbar sind. Die Amerikaner sind derzeit nicht in der Lage, diese durch eigene Produktion zu ersetzen. Vielleicht schaffen sie das irgendwann – beim Öl und Gas ist ihnen das ja auch gelungen. Vor dem Jahr 2000 waren die USA Nettoimporteure von Öl und Gas – heute sind sie Nettoexporteure. Sicher ist jedenfalls: Es wird neue Lieferquellen geben. Entscheidend ist, wie gezielt China seine Exportpolitik als geopolitisches Instrument einsetzt. Im Moment haben sie in dieser Hinsicht klar die Oberhand – einfach, weil sie an der Quelle sitzen. Und diese Rohstoffe werden vor allem für digitale Dienste, KI und die Umstellung auf nicht-fossile Produktionen benötigt, die einen hohen Energiebedarf haben.
Auf europäischer beziehungsweise deutscher Seite sind die Strafzölle zurzeit noch ausgesetzt. Trotzdem wirken weiterhin zusätzliche Zölle von zehn Prozent. Sind auch diese Sätze spürbar im Handel?
Die USA haben in der Tat im Rahmen des Abschnitts 301 des Trade Act von 1974, der sogenannten „Section 301“, zusätzliche Zölle von zehn Prozent auf alle Produkte erhoben. Im Vergleich zum durchschnittlichen WTO-gebundenen Zollsatz der USA – der bei etwa drei bis vier Prozent liegt, je nach Produktgruppe – ist das bereits eine spürbare Belastung, vor allem für stark exportierende Branchen wie die Pharmaindustrie. Das könnte noch Nachwirkungen auf den europäischen Export haben, zumal der Wechselkurseffekt eines schwächeren Dollars den Zolleffekt verschärft.
Wovon wird das abhängen?
Bisherige Erfahrungen – etwa aus dem Handelskrieg mit China – zeigen, dass die zusätzlichen Kosten der Zölle fast vollständig auf die amerikanischen Konsumenten übergewälzt wurden. Wir nennen das „passthrough“. Das waren in dem Fall nahezu 100 Prozent. Die Preise sind also damals direkt für die Endverbraucher in den USA gestiegen und die reduzierten die Nachfrage. Allerdings handelte es sich damals nicht um Pharmaprodukte. Und bei denen ist die Lage etwas anders: Die Nachfrage ist kaum elastisch – auf viele dieser Medikamente kann man schlichtweg nicht verzichten. Es gibt keine adäquaten Substitute aus heimischer Produktion. Das bedeutet: Höhere Preise treffen unmittelbar den Verbraucher – und zwar ohne dass auf günstigere Alternativen ausgewichen werden kann. Da die Pharmapreise in den USA sowieso mit zu den höchsten weltweit zählen, greift Präsident Trump jetzt zum Mittel der verordneten Preissenkung, weil er die Meinung vertritt, dass die hohen Preise zwar die Forschung nach neuen Arzneimitteln begünstigen, davon aber auch andere Konsumenten außerhalb der USA profitieren. Aus seiner Sicht ist das eine ungerechtfertigte Begünstigung von Ausländern, die sich wie Trittbrettfahrer verhalten.

Ist denn davon auszugehen, dass so die amerikanische Wirtschaft weiter geschwächt wird?
Mit großer Wahrscheinlichkeit, denn es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu. Neben dem Preiseffekt gibt es auch einen Nachfrageeffekt – der ist abhängig von der allgemeinen Einkommenssituation. Bei Pharmaprodukten spielt das eine geringere Rolle, da sie bedarfsabhängig gekauft werden. Aber generell gilt: Wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, konsumieren Menschen weniger. In den USA ist das besonders ausgeprägt – der sogenannte „Wealth Effect“ spielt dort eine große Rolle. Viele Amerikaner orientieren sich an der Entwicklung ihrer Aktienportfolios. Sinkende Kurse, auch getrieben durch das Aussteigen verunsicherter ausländischer Aktienanleger in den USA, wirken sich direkt auf das Konsumverhalten aus. Hinzu kommt: Auch die Altersvorsorge ist oft aktienbasiert – etwa über Pensionsfonds. Wenn dort Verluste auftreten, merken die Menschen das unmittelbar. Und das alles hat Konsequenzen – die Grundlage für ein wachstumsgetragenes Nachfrageverhalten in den USA wird schwächer.
Wie lange lässt sich diese Politik aus amerikanischer Sicht überhaupt durchhalten?
Die USA sind zwar wirtschaftlich nach wie vor die größte Volkswirtschaft – zumindest gemessen an nominalen Wechselkursen, nicht nach Kaufkraftparitäten –, aber selbst sie können solche Maßnahmen nur begrenzt durchhalten. Entscheidend wird sein: Wie lange machen die amerikanischen Wähler mit? Wie lange bleiben die großen Tech-Konzerne ruhig? Wann beginnen erste Zerfallserscheinungen in Trumps engerem Zirkel? Bleibt die Notenbank unabhängig? Wann werden Risikozuschläge auf amerikanische Anleihen verlangt? Der Präsident denkt in erster Linie daran, seine Wähler bei der Stange zu halten. Wir haben gesehen, dass er bei den Zwischenwahlen 2019 die Quittung bekommen hat. Viele Menschen waren wegen der Inflation unzufrieden und haben sich daher für die Demokraten entschieden. Auch die Gegenmaßnahmen der EU waren gezielt so angelegt, dass sie Produkte aus republikanisch regierten Bundesstaaten trafen – um dort politischen Druck aufzubauen. Das wird sicher auch bei den nächsten Zwischenwahlen eine Rolle spielen, sofern Trump seine Position nicht mit dem Ausrufen eines nationalen Notstands begründet. Denn de facto regiert er derzeit am Kongress vorbei.
Rolf J. Langhammer war stellvertretender Präsident und ab 2007 Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und von Oktober 1997 bis August 2012 Professor am IfW Kiel. Er trat am 31.8.2012 in den Ruhestand, ist aber weiterhin am IfW Kiel tätig. Von April 2003 bis September 2004 nahm er die Führung der Geschäfte des Präsidenten wahr. Von Juli 1995 bis November 2005 leitete er die Forschungsabteilung „Entwicklungsökonomie und weltwirtschaftliche Integration“. Darüber hinaus war er seit November 1995 Honorarprofessor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Entwicklungsökonomik an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel und Professor für Entwicklungsökonomik und Internationalen Handel an der WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar/Koblenz von 2013 bis 2016.
Er begann seine Karriere als wissenschaftlicher Mitarbeiter am IfW Kiel (1972-1978) und Forschungsgruppenleiter (seit 1978) und erhielt verschiedene Forschungsstipendien und Gastprofessorenschaften im Ausland.
Rolf J. Langhammer diente als Berater sowohl für eine Reihe internationaler Organisationen (EU, Weltbank, OECD, UNIDO, ADB) als auch für die Bundesministerien für Wirtschaft (BMWI) und wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ). Von 1995 bis 2007 war er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des BMZ. Seine Forschungsschwerpunkte, die sich in zahlreichen nationalen und internationalen Fachzeitschriften niederschlugen, liegen auf dem Gebiet des internationalen Handels, der Handelspolitik, regionaler Integration und der internationalen Kapitalbewegungen. Er ist Ko-Autor von „Regional Integration among Developing Countries“ (1990), „The International Competitiveness of Developing Countries for Risk Capital“ (1991), „Regional Integration in Europe and its Effects on Developing Countries“ (1994) und Ko-Editor von „Monetary Policy and Macroeconomic Globalization in Latin America“ (2005 mit Lúcio Vinhas de Souza) und „Labor Mobility and the World Economy“ (2006 mit Federico Foders).