„Willkommen in Hamburg“
Seit mehr als siebzig Jahren werden am Willkomm- Höft in Wedel Schiffe mit den Worten empfangen: „Wir freuen uns, Sie in unserem Hafen begrüßen zu können.“ ..
Autor: Mathias Schulz
Wenn ein Containerschiff wie die „ONE Inspiration“ aus Fernost die Elbmündung erreicht, beginnt ein Zusammenspiel aus Präzision, Erfahrung, Technik und Vertrauen. Was aus der Ferne unauffällig aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als logistische Meisterleistung auf engstem Raum. Die Fahrt über die Elbe bis zum Hamburger Hafen ist ein Hochleistungsmanöver, bei dem keine Entscheidung dem Zufall überlassen wird.
Ab der Deutschen Bucht übernehmen Lotsen. Sie kennen das Revier Elbe bis Hamburg in- und auswendig: jede Kurve, jede Strömung, jede Untiefe. Was für Kapitäne auf großer Fahrt oft unbekanntes Terrain ist, ist für sie vertraute Heimat. Die Elbe ist dabei in drei Lotsabschnitte unterteilt: das untere und das obere Elbrevier sowie den Bereich der Hafenlotsen, die die Schiffe auf den letzten Metern bis zur Kaimauer begleiten
Ab einer Schiffslänge von 350 Metern sind in der Regel zwei Lotsen je Abschnitt an Bord. Einer von ihnen navigiert das Schiff, der andere ist für die Kommunikation zuständig. Heute führt G. Schulz die „ONE Inspiration“ sicher über das obere Elbrevier. Er ist seit 2010 im Dienst. Wie alle Elblotsen begann auch er auf dem Unterlauf, bevor er nach vielen Jahren und unzähligen Schiffen inzwischen das Revier zwischen Brunsbüttel und Hamburg übernimmt. Seine berufliche Laufbahn begann allerdings weit früher – als Offizier auf weltweiter Fahrt. „Ich war viele Jahre auf Linien zwischen dem Mittelmeer, Südamerika und Südafrika unterwegs. Heute steuere ich die ganz großen Pötte durch die Elbe.“
Ganz groß – das bedeutet heute: 400 Meter Länge, 61 Meter Breite, eine Kapazität von 24.136 TEU, und auf dieser Fahrt, 14,1 Meter Tiefgang sowie eine Höhe über dem Wasserspiegel von 67,7 Metern. „Ich habe mich daran gewöhnt“, sagt der Lotse. „Aber das heißt nicht, dass man es auf die leichte Schulter nehmen darf.“ Denn diese Dimensionen bedeuten auch, dass ein einziges falsches Timing, eine unpräzise Kursänderung oder ein plötzlicher Schub Seitenströmung zu massiven Problemen führen kann. Bei einer Kurve beginnt das Manöver mitunter 500 Meter vor der eigentlichen Wendung – damit das Schiff später wieder exakt im Fahrwasser liegt.
"Heute steuere
ich die ganz
großen Pötte
durch die Elbe.“
G. Schulz
Lotse
Die jüngste Fahrrinnenanpassung hat die Schifffahrt auf der Elbe deutlich entlastet. Insbesondere die Schaffung der Begegnungsbox und die Tiefenanpassung der Fahrrinne an bestimmten Stellen sind entscheidende Neuerungen. „Früher“, sagt der Lotse, „mussten wir Begegnungen mit großen Schiffen regelmäßig verschieben oder unsere Fahrt verlangsamen, bis unterhalb der Stör wieder ausreichend Raum war.“ Diese Zeiten sind vorbei. Heute können zwei große Schiffe sicher und zeitgleich im definierten Bereich vor Wedel aneinander vorbeifahren. Das Ergebnis ist eine erheblich gesteigerte Flexibilität im Schiffsverkehr. Nur wenige Monate ist es her, dass zudem die zulässige addierte Breite von Schiffen in der Begegnungsbox probeweise auf 110 Meter angehoben wurde. Dies erleichtert den Schiffsverkehr auf der Elbe weiter. Dennoch ist Timing entscheidend. Denn gerade bei Begegnungen mit anderen Großschiffen darf es keine Verzögerungen geben.
Für Björn Garbe, Spezialfracht-Experte bei Ocean Network Express (ONE), ist Hamburg weit mehr als nur ein deutscher Hafen. „Hamburg ist ein Knotenpunkt im globalen Liniennetz von ONE – das Tor zur Welt ist für uns gelebte Realität“, sagt er. Garbe arbeitet im Hamburger Büro von ONE, das aus der Fusion des Containergeschäfts der japanischen Traditionsreedereien MOL, K-Line und NYK hervorgegangen ist. Die Gründung des Unternehmens im Jahr 2017 und der operative Start 2018 bedeuteten für die Unternehmen einen Einschnitt – ONE gehört heute zu den größten Containerreedereien der Welt.
„Wir betreiben derzeit rund 260 Schiffe mit einer Gesamtkapazität von über zwei Millionen TEU. Unser Ziel ist klar: Bis spätestens 2030 wollen wir die Drei- Millionen-TEU-Marke überschreiten.“ Der Hafen Hamburg spielt in dieser Strategie eine tragende Rolle. Als Zugang zu Skandinavien, Osteuropa und Süddeutschland bietet er nicht nur geografische, sondern auch infrastrukturelle Vorteile. „Hamburg ist in Sachen Multimodalität hervorragend aufgestellt“, erläutert Garbe. „Ob Straße, Schiene oder Binnenwasserstraße – alles ist eng miteinander verzahnt. Hinzu kommt die hohe Zahl an logistiknahen Unternehmen, die sich rund um den Hafen angesiedelt haben.“
Die Fahrrinnenanpassung ist für Reedereien wie ONE ein entscheidender Faktor. „Vorher waren wir bei Schiffen dieser Größenordnung extrem tideabhängig. Jetzt ist es möglich, selbst bei mittlerem oder niedrigem Wasserstand einzulaufen. Das spart Zeit, Kosten – und erhöht die Sicherheit.“
"Präzision
ist der
Schlüssel.“
Deepak Mehra
Kapitän
Kapitän Deepak Mehra steht an diesem Tag auf der Brücke der „ONE Inspiration“. Der erfahrene Seemann ist seit 2003 bei der japanischen Reederei und hat zahlreiche Reisen nach Hamburg unternommen. Auf der „ONE Inspiration“, einem vergleichsweise jungen Schiff, ist es für ihn jedoch der erste Anlauf in der Hansestadt. „Die Elbe ist landschaftlich einer der schönsten Flüsse, die ich je befahren habe“, sagt Mehra. „Aber sie verlangt höchste Konzentration. Es gibt enge Kurven, starke Strömungen, ständig wechselnde Bedingungen.“ Besonders der sogenannte Squat-Effekt -das tiefere Eintauchen des Schiffes bei höherer Geschwindigkeit in flachen Gewässern – macht die Navigation anspruchsvoll. Dazu kommen flache Passagen mit oft nur wenig Platz unter dem Kiel.
Bei Brunsbüttel erfolgt der erste Lotsenwechsel, später, direkt vor dem Hafen, ein zweiter. „Die Passage zwischen Tonne 50 und 80 ist besonders komplex – aber auch faszinierend.“ Wer als Kapitän Verantwortung für ein Schiff dieser Größe trägt, muss nicht nur mit der Natur, sondern auch mit Behörden, Technikern und Terminalbetreibern eng zusammenarbeiten.
Die Koordination mit den Schleppern erfolgt in Absprache mit den Agenten, den Lotsen und dem Kapitän selbst. Je nach Wetterlage, Windstärke und Liegeplatz werden zwei bis vier Schlepper eingesetzt. Beim heutigen Anlegemanöver sind es drei, zwei achtern und einer am Bug. „Präzision ist der Schlüssel“, sagt Mehra. „Sowohl bei den eigenen Befehlen als auch in der Zusammenarbeit mit Lotsen und Schleppern.“ Auch in Zukunft wird diese Genauigkeit im Revier Elbe nicht weniger wichtig sein. Dennoch wird mit der nun verkündeten Erweiterung des Drehkreises vor dem Waltershofer Hafen von 480 auf 600 Meter das Wenden der 400-Meter-Giganten mehr Spielraum bekommen.
Im Bauch des Schiffes wacht Chefingenieur Saravana Sundar Balakrishnan über den Maschinenbetrieb. Seit über drei Jahrzehnten ist er im Dienst, 22 Jahre davon als leitender Ingenieur. Die „ONE Inspiration“ ist mit einem hochmodernen Langhubmotor ausgestattet – einer der effizientesten seiner Klasse. 48.300 Kilowatt Leistung treiben das Schiff an und bringen einen 10,5 Meter großen Propeller in Bewegung.
„Das Herzstück der Maschine ist ein emissionsoptimierter Motor mit variabler Abgassteuerung, Hybridbetrieb und LNG-Fähigkeit“, erklärt Balakrishnan. Doch gerade auf der Elbe sei die Herausforderung groß: Starke Strömung, scharfe Kurven, plötzliche Lastwechsel verlangen eine höhere Aufmerksamkeit. „Hier muss jeder Handgriff sitzen. Wir sind in ständigem Kontakt mit Brücke, Lotsen und Leitzentralen.“
Aber bereits vor Cuxhaven ist der Alltag im Maschinenraum nicht gleichförmig. „Wir arbeiten in der Nordsee im Closed-Loop-Modus, da das Einleiten des Waschwassers der Abgasreinigungsanlage, also des Scrubbers, verboten ist, und dürfen dabei 55 Prozent Last nicht überschreiten, um dessen Effizienz nicht zu gefährden – das verlangt ständige Überwachung aller Parameter“, so der Chefingenieur.
Was sich auf dem Wasser oft langsam und majestätisch präsentiert, ist tatsächlich ein logistisches Hochleistungsmanöver. Die Einfahrt der „ONE Inspiration“ zeigt exemplarisch, wie eng verzahnt Mensch, Technik, Infrastruktur und Natur sein müssen. Vom ersten Manöver an der Elbmündung bis zum Anlegen im Waltershofer Hafen ist jeder Moment präzise durchdacht – und dennoch voller Dynamik. Und so ist es einmal mehr gelungen, mit einem der größten Schiffe mehr als 18.000 TEU die Elbe hinauf zu transportieren und viele von diesen am Container Terminal Burchardkai der HHLA mit rund 8.500 Bewegungen, den sogenannten Moves, umzuschlagen.
"Hier muss
jeder Handgriff
sitzen.“
Saravana Sundar Balakrishnan
Chefingenieur