Logistik im Sturm
Kapitän zur See Kurt Leonards führt das Landeskommando Hamburg der Bundeswehr. Er berichtet, wie Red Storm-Übungen zivile und militärische Abläufe vernetzen ...

Autor: Mathias Schulz
POHM: Herr Leonards, Sie sind als Kommandant zur See gefahren und führen derzeit das Landeskommando Hamburg der Bundeswehr. Wie fühlt sich der Dienst an Land für einen Marineoffizier an?
Kurt Leonards: Es ist eine Freude, muss ich sagen. Hamburg ist nicht irgendeine Stadt, sondern die größte Hafenstadt Deutschlands – ein Ort mit ausgeprägter maritimer Identität. Für mich ist dieser Dienstposten daher nicht artfremd, sondern folgerichtig. Ich fühle mich hier sehr wohl und bin dankbar, als Marineoffizier das Landeskommando Hamburg führen zu dürfen.
Sie haben viele Häfen der Welt gesehen. Wie vertraut sind Sie mit dem Hamburger Hafen?
Intensiv kennengelernt habe ich ihn erst im vergangenen Jahr – vor allem über das Thema Sicherheit. In dieser Zeit habe ich eng mit HHLA, HPA und der Wirtschaftsbehörde zusammengearbeitet. Ich war aber auch beim Hafengeburtstag und habe an Sitzungen verschiedener Hafengremien teilgenommen. Zudem hat unser Manöver Red Storm Bravo auch im Hafen stattgefunden. Zugleich gibt es eine persönliche Verbindung: Als junger Leutnant bin ich für eine Werftliegezeit mit einer Fregatte hier eingelaufen. Ich erinnere mich gut daran, wie ich – mit Anfang zwanzig – die Elbe hinauffuhr und zum ersten Mal von See einlaufend das Panorama dieser Stadt sah. Das war prägend.
Wofür stehen Hamburg und sein Hafen für Sie?
Hamburg ist für mich eine tolerante, internationale Stadt, weltoffen, mit einer besonderen Nähe zur britischen Lebensart. Dass man im Hamburger Wappen einst das Tor öffnete, ist sinnbildlich für die Haltung, Menschen willkommen zu heißen, egal, woher sie kommen. Diese Offenheit und Vielfalt gehören für mich zum Kern der Hamburger Identität.

Welche Rolle spielen die Landeskommandos in der Bundeswehrstruktur?
Die Landeskommandos fungieren als zentraler Ansprechpartner der Landesregierungen für alle Belange, die die Bundeswehr betreffen. Unter dem Prinzip „One face to the customer“ koordinieren sie Themen wie Katastrophenschutz, zivil-militärische Zusammenarbeit und Veranstaltungen wie etwa den Veteranentag. Das Landeskommando stimmt sich dazu mit den weiteren Bundeswehrdienststellen in Hamburg – etwa der Führungsakademie, der Helmut-Schmidt-Universität oder dem Bundeswehrkrankenhaus – ab und versucht, die Anliegen des Bundeslandes zu lösen.
Die maßgebliche, sicherheitspolitische Aufgabe der Bundeswehr ist die Landes- und Bündnisverteidigung. Die NATO etwa setzt zur Abschreckung gegenüber Russland auf schnelle Truppenverlegungen an die nordöstliche Bündnisgrenze. Dadurch wird Deutschland als Transitland im Ernstfall zur logistischen Drehscheibe – für möglicherweise Hunderttausende NATO-Soldaten, die hier über Monate durchgeschleust würden. Diese Abläufe sind im als geheim eingestuften Operationsplan Deutschland definiert. Die Landeskommandos koordinieren die Schnittstellen dieses Plans mit den Landesregierungen – in Hamburg ist dies die Behörde für Inneres und Sport (BIS). Das führt zu einem engen, fast täglichen Austausch mit der BIS.
Red Storm Bravo hat genau dieses Szenario, den Transit von Soldaten und Material, simuliert. Was war das Ziel der Übung?
Es ging darum, die zivil-militärischen Schnittstellen zu trainieren, die im Ernstfall eine Rolle spielen – zwischen Bundeswehr, Polizei, Feuerwehr, dem Technischen Hilfswerk, dem Deutschen Roten Kreuz und weiteren Akteuren. Ganz praktisch heißt das: Wie bewegt sich ein Konvoi von 70 Militär-Lkw durch die Innenstadt? Welche Route ist erkundet und befohlen? Wie kommunizieren Polizei und Feldjäger miteinander? Wie erfolgt die Abstimmung mit der Verkehrs- und der Wirtschaftsbehörde, wie mit HPA und HHLA? In diesem Jahr haben wir vor allem daran gearbeitet, eine gemeinsame Sprache zu finden. Unternehmen haben begonnen, ihre eigenen Sicherheitsketten einzubringen. Und für Red Storm Charlie, die Folgeübung 2026, haben bereits weitere Firmen und Organisationen ihre Teilnahme angekündigt.
Lässt sich das Zusammenspiel der Akteure weiter vertiefen?
Ja, unbedingt. Wir entwickeln gerade etwas, das es vor einem Jahr noch gar nicht gab. Red Storm Alpha bildete die Grundlage, Red Storm Bravo war der nächste Schritt. Red Storm Charlie wird noch intensiver sein. Gleichzeitig achten wir darauf, uns nicht zu übernehmen und das richtige Maß zu halten.
Wie fiel das Feedback von außen aus?
Demonstrationen waren deutlich kleiner als erwartet. Vom Straßenrand gab es Zuspruch, nicht selten in Alltagsmomenten wie beim Bäcker, als Menschen zu Soldaten sagten: „Gehen Sie vor, Sie nehmen doch sicher an der wichtigen Übung teil.“ Für die Truppe ist diese Wertschätzung wichtig. Es gab Zeiten, in denen Anerkennung für den Soldatenberuf fast nur im Auslandseinsatz spürbar war. Das verändert sich gerade – und zwar deutlich.
Angesichts der täglichen Berichte über die Bedrohungslage und Drohnenaktivitäten: Müssen Hamburg und der Hafen reagieren?
Wir stellen fest, dass sich die Sicherheitslage verändert. Auch hier in der Kaserne gab es zahlreiche Drohnensichtungen, ebenso im Hamburger Hafen. Daraus folgt, dass wir – Bundeswehr, Behörden und zivile Unternehmen – unsere Resilienz in IT-Sicherheit und Objektschutz steigern müssen. Wir müssen unsere Maßnahmen gegen drohnengestützte Aufklärungsaktionen weiterentwickeln.
Welche Rolle kommt Häfen zu, wenn NATO-Partner unterstützt werden müssen?
Sie übernehmen eine zentrale Funktion. Logistik entscheidet – im zivilen wie im militärischen Bereich. Der Operationsplan Deutschland legt fest, welche Hubs betroffen wären, welche Flughäfen, welche Routen. Je angespannter die Lage, desto wichtiger werden Häfen und Umschlagterminals.
Welchen Beitrag leisten die von Ihnen abgehaltenen Red Storm-Übungen?
Sie verschaffen ein realistisches Lagebild über die Sicherheitsmechanismen im Hafen, bei der Bundeswehr und in den beteiligten Unternehmen. Wenn Szenarien komplexer und verschiedene Dilemmata durchgespielt werden, erhöht das die Resilienz aller Beteiligten. Wir müssen prüfen, was die gesetzlichen Vorgaben für die Bundeswehr erlauben. Gleichzeitig sollten wir eng mit der Polizei und anderen relevanten Stellen zusammenarbeiten. Und wenn die Bundeswehr ertüchtigt wird, wächst auch die Marine: Schiffe und Boote müssen gebaut, instandgesetzt und repariert werden – vieles davon geschieht in Häfen.

Ergibt sich daraus eine Veränderung für das Landeskommando Hamburg?
Die Bundeswehr wird sich weiterentwickeln – und mit ihr die Landeskommandos. Wir verstehen uns als Sensor und Effektor der Bundeswehr in die Länder hinein. „One face to the customer“ ermöglicht klare, direkte Wege zwischen Landesregierungen und Bundeswehr.
Red Storm Charlie ist bereits in Planung. Was wird der Schwerpunkt sein?
Wir denken darüber nach, logistische Abläufe stärker länderübergreifend zu betrachten: Was kommt aus Niedersachsen in Hamburg an, was geht von Hamburg nach Schleswig-Holstein? Wir wollen auch die Interaktion mit Feuerwehr, Sanitätsdiensten und weiteren Blaulichtorganisationen vertiefen.
Was wünschen Sie sich – für die Gesellschaft und für die Bundeswehr in den kommenden fünf Jahren?
Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Ich wünsche allen, dass sie sich um dieses Thema weniger Sorgen machen müssen. Für die Bundeswehr bedeutet das, ihre Verteidigungsfähigkeit weiter zu erhöhen. Wir müssen flexibel sein und schnell wachsen können. Das haben wir jahrzehntelang nicht gemacht – wir waren Spezialisten im Schrumpfen. Nun müssen wir Spezialisten im Wachsen werden. Das ist anspruchsvoll, aber notwendig. Und ich bin überzeugt, dass die Bundeswehr in fünf Jahren ganz anders aussehen wird als heute.