Stückgut und Projektladung als Präzisionsdisziplin
Breakbulk- und Projektfracht erfordern Präzision, Zuverlässigkeit und umfassenden lokalen Service. Im Hamburger Hafen vereint Liebherr langjährige ..,
Autor: Holger Grabsch
Man kann im Hafen vieles messen: Tonnagen, Umschlagzahlen, Liegezeiten. Auch das, was zwischen zwei Haken geschieht, lässt sich berechnen – und bleibt dennoch oft unscheinbar. Dabei entscheidet sich genau dort, im Winkel eines Stahlseils, ob ein Projekt reibungslos verläuft oder teuer wird.
Detlef Thunecke kennt diesen Moment. Er hat ihn über Jahre hinweg erlebt, berechnet und beobachtet – aus der Kabine heraus, mitten im Betrieb. Heute steht er meist nicht mehr auf dem Gerät, sondern davor: als Trainer und Ausbilder bei ma-co, dem Bildungsträger für die deutschen Seehäfen, die hafennahe Logistik sowie die internationale Seeschifffahrt und Offshore-Industrie.
Sein Fachgebiet ist Breakbulk – alles, was nicht in Container passt: überlange Bauteile, überbreite Maschinen, schwere Komponenten. Güter, die selten Routine sind und deshalb Menschen erfordern, die Routinen im Kopf haben. Breakbulk wird immer dann anspruchsvoll, wenn es groß und schwer wird. Und sensibel. Und teuer.
Breakbulk-Transporte sind häufig Einzelereignisse; kaum ein Projekt gleicht dem vorherigen. Was nach Abwechslung klingt, bedeutet im operativen Alltag vor allem eins: Verantwortung. Zahlreiche Beteiligte sind eingebunden, es wird gerechnet, geprüft und abgesichert. Im Schwergutbereich geht es letztlich um eine einfache, nicht verhandelbare Erwartung: Die Ladung muss sicher und reibungslos ans Ziel gelangen. Ohne Schäden. Ohne Überraschungen.
Bei besonders wertvollen Transporten steigt die Nervosität. Thunecke erinnert sich an Einsätze, bei denen mehrere Kamerateams anwesend waren – vom Hersteller, vom Kunden und von der Versicherung. Jeder Handgriff wurde dokumentiert, jede Bewegung aufmerksam verfolgt.
Oder die Geschichte der Lokomotive: Die älteste noch existierende Dampflok wurde von Südafrika nach England überführt, mit Zwischenstopp in Hamburg. In anderen Häfen gab es Probleme, in Hamburg nicht. Kein Triumph, sondern eine nüchterne Feststellung aus der Praxis.
Im Schulungsraum ist es ruhiger als am Kai, doch die Fragen bleiben dieselben: Was genau hängt dort am Kran? Welche Last tragen die einzelnen Stränge tatsächlich? Und was geschieht, wenn sich der Winkel verändert?
Oft fehlt es nicht an Engagement, sondern am grundlegenden Verständnis. Wer eine fundierte Ausbildung, etwa als Hafenfacharbeiterin oder Hafenfacharbeiter, mitbringt, verfügt in der Regel über ein solides Fundament – selbst wenn diese Jahre zurückliegt. Ohne diese Basis beginnt die Qualifizierung häufig von vorn.
Ein klassisches Missverständnis: Vier Anschlagmittel sind montiert, also müssten auch vier tragen. In der Praxis ist das keineswegs garantiert. Mitunter übernehmen nur zwei oder drei die Last. Der Rest beruhigt das Auge – nicht jedoch die Statik. Hinzu kommen Faktoren wie Kanten, Materialzustand oder die Frage, ob ein Anschlagmittel überhaupt noch einsatzfähig ist.
Um diese Zusammenhänge zu vermitteln, macht Thunecke die Theorie sichtbar. Er arbeitet mit Fotografien realer Projekte, mit Beispielen aus dem Betrieb und mit selbst gebauten Modellen: eine kleine Traverse, eine Kiste, unterschiedliche Anschlagpunkte. Früher zeichnete er viel, heute zeigt er lieber. Was man in die Hand nehmen kann, wird verstanden. Die Diskussion gewinnt an Präzision, weil auch die Vorstellung klarer wird.
Die Kurse bei ma-co dauern – abhängig von der Vorerfahrung – mindestens zwei Tage, bei Neueinsteigern in Abstimmung auch länger, Refresher-Kurse dauern einen Tag. Theorie und Praxis greifen dabei eng ineinander. Was im Seminarraum erläutert wird, wird draußen auf der großen Praxisanlage des ma-co umgesetzt: am Schiff, am Hallenkran, auf der Fläche.
Zum Einsatz kommen sämtliche Anschlagmittel: Ketten, Drahtseile, Hebebänder und Schäkel. Auch defekte Materialien werden bewusst integriert, damit die Teilnehmenden lernen, rechtzeitig Nein zu sagen – bevor es gefährlich wird.
Mit der Physik lässt sich nicht verhandeln. Lotrecht ist ideal. Hängen oben zehn Tonnen Gewicht, sind bei 45 Grad genau sieben Tonnen zulässig, bei 60 Grad die Hälfte. Messuhren machen diese Zusammenhänge sichtbar. Die Ware bleibt gleich schwer, doch die Belastung steigt. Erst durch das direkte Erleben wird aus Theorie Erfahrung.
Parallel zum Wandel der Arbeit verändert sich auch die Ausbildung. Am Container Terminal Altenwerder betreibt ma-co das digitale Trainingszentrum (DTC) mit Leit- und Fernsteuerständen, großer Videowand und einem Simulator für die remote gesteuerten Containerbrücken. Kranführer sitzen in Zukunft nicht mehr oben in der Kanzel, sondern im Büro und steuern den Kran remote. Weitere Simulatoren und VR-Anwendungen sind geplant und werden das DTC kurzfristig ergänzen. Der Hafen stellt sich neu auf. Doch unabhängig davon, ob auf der Brücke oder vor dem Bildschirm gearbeitet wird: Am Gerät sitzen Menschen, die wissen, was sie tun. Denn bewegt wird weiterhin reale Ware – mit realem Schadenspotenzial.
Thunecke ist gelernter Baumaschinenführer, war Autodrehkranfahrer, arbeitete zwölf Jahre auf dem Turmdrehkran bei STRABAG und anschließend 17 Jahre bei C. Steinweg. Über seine Tätigkeit als Ausbilder entstand der Kontakt zu ma-co – zunächst als Externer, seit dem 1. Oktober 2022 fest angestellt.
Der Wechsel kam nicht abrupt. Irgendwann wurde klar, dass die Jüngeren schneller werden, besser sehen, näher herankommen. Wie im Sport gilt es, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, um die Rolle zu wechseln – nicht aus Schwäche, sondern aus Erfahrung. Eine Erfahrung, die er nun nur zu gerne weitergibt.
Qualifizierung ist für das ma-co keine Ergänzung, sondern Voraussetzung – auch im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Kurse mit großen Gruppen sind möglich, ideal sind jedoch kleinere. Im ma-co wird für alles ausgebildet, was im Hafen und in der hafennahen Logistik im Einsatz ist – vom kleinen bis zum großen Gerät, auf Rädern oder Ketten, für horizontale und vertikale Transporte.
Für Hamburg bedeutet das vor allem eins: Wenn Projekte zuverlässig abgewickelt und Schäden vermieden werden, ist das ein zentrales Argument im internationalen Wettbewerb. Gute Ausbildung macht Qualität sichtbar.