20. April 201516:01Hinterland

Neue Konzepte für eine optimierte Abwicklung von Binnenschiffs-verkehren im Hamburger Hafen und im Gesamtsystem Elbe

Ein Intelligentes Transport System (ITS) für die Binnenschifffahrt, ein digitales Meldeverfahren, eine online verfügbare Kartenübersicht aller Binnenschiffsliegeplätze und eine zentrale Koordinierungsstelle für die Hafenanläufe könnten zukünftig die Binnenschifffahrt auf der Elbe vereinfachen, beschleunigen und stärken.

Rund 10.000 Binnenschiffe mit einem Ladungsaufkommen von 11,6 Millionen Tonnen wurden im vergangenen Jahr im Hamburger Hafen abgefertigt. Das sind elf Prozent des Gesamtaufkommens im Hinterlandverkehr – mit großem Entwicklungspotenzial. Das System der Binnenschifffahrt auf der Elbe kann allerdings nur zuverlässig funktionieren, wenn alle Terminals, Reedereien und die zuständigen Behörden miteinander kommunizieren und gemeinsam an der Verbesserung der Rahmenbedingungen arbeiten. Um den Austausch zu fördern, haben Hafen Hamburg Marketing (HHM) und die Hamburg Port Authority (HPA) zu einem Binnenschifffahrtstag in Hamburg eingeladen. Mehr als 100 Vertreter von Binnenschifffahrtsreedereien, Speditionen, Terminals, Hafenbehörden, Verladern, Verbänden und Handelskammern entlang der gesamten Elberegion nutzten die Veranstaltung, um gemeinsam aktuelle Herausforderungen und neue Lösungsansätze für eine effizientere Binnenschifffahrt zu diskutieren. In Vorträgen präsentierten sich darüber hinaus unter anderem Hamburger Terminals aus dem Container-, Multi-Purpose und Massengutbereich mit großem Interesse an der Binnenschifffahrt.

Eine Befragung der in Hamburg verkehrenden Binnenschiffer durch das Oberhafenamt hat ergeben, dass es Optimierungsbedarf bei der Brückenfreiheit von Liegeplätzen, den Pegelanlagen und der Liegesituation an privaten Kaianlagen gebe. Die HPA hat darauf unter anderem mit der Installation von neuen LED-Pegelanlagen mit exakten Pegelständen und Brücken-Durchfahrtshöhen reagiert. „Die erste Anlage ist bereits an der Rethebrücke aktiviert, eine weitere wird zurzeit an der Süderelbbrücke gebaut und nach einer Testphase voraussichtlich im dritten Quartal 2015 in Betrieb gehen. Unser Ziel ist, alle sechs Monate eine neue Umkehrpegelanlage an den Knotenpunkten im Hafen zu installieren“, so der stellvertretende Hafenkapitän und Nautische Direktor Andreas Brummermann. Auch die Landstromanlagen für die Stromversorgung an öffentlichen Binnenschiffsliegeplätzen werden erneuert. Am 22. April beginnt eine Probephase für neue Stromzapfsäulen, die auf einen Chipkartenbetrieb (RIFD-Karten) umgestellt wurden. Ab dem Sommer sollen die Anlagen dann offiziell umgerüstet und in Betrieb genommen werden. Darüber hinaus hat die HPA mögliche neue Liegeplätze für Binnenschiffe und Schuten nahe der Terminals geprüft und identifiziert.

Intelligentes Transport System (ITS) für die Binnenschifffahrt

Um den Informationsaustausch bei Binnenschiffsverkehren zu optimieren, arbeitet die HPA an einem Konzept zur Entwicklung einer ITS-Strategie für die Binnenschifffahrt in Hamburg und entlang der Elbe. Auf dem Binnenschifffahrtstag wurden erste Einblicke in die Entwicklungsphase erstmals öffentlich präsentiert. In dem System würden alle Daten der an der Transportkette beteiligten zusammenlaufen – Fahrplan- und Ladedaten der Binnenschiffe, Verfügbarkeiten der Terminals, Schleusen und Brücken, Pegelstände der Elbe und andere aktuelle Verkehrsinformationen aus dem Oberhafenamt und der Nautischen Zentrale. „Unser Ziel ist, die Informationsbereitstellung für die Binnenschifffahrt im Hamburger Hafen zu optimieren, die Zuverlässigkeit und Planbarkeit der Transportprozesse zu erhöhen und die Auslastung und Wirtschaftlichkeit der Verkehrsinfrastruktur zu steigern“, erläuterte Saskia Zippel, die bei der HPA für den Bereich Strategie Binnenschifffahrt zuständig ist. Außerdem könnten durch ein Intelligentes Transport System die Kosten für die Nutzer reduziert und die Verkehrssicherheit für Binnenschiffe erhöht werden. Der Datenaustausch zwischen allen an der Transportkette Beteiligten würde papierlos, vereinfacht und beschleunigt. Dadurch könnten Binnenschiffer und Terminals unter anderem flexibler auf außerplanmäßige Verzögerungen oder Änderungen reagieren. Durch eine Anbindung des Systems an das Projekt smartPORT logistics (SPL) könnte die gesamte Transportkette auch unter Einbeziehung der Binnenschifffahrt transparenter und effizienter werden. Ein erstes Pilotprojekt zur Detektion von Liegeplatzauslastungen und Binnenschiffsankünften im Hamburger Hafen wird nächstes Jahr starten. Eine Grundvoraussetzung ist, dass die Binnenschiffe ihre Automatischen Identifikationssysteme (AIS) eingeschaltet haben.

Das Projekt stieß bei den Teilnehmern des Binnenschifffahrtstages auf großes Interesse. Auch Hafenvertreter aus Lüneburg, Uelzen und Haldensleben kündigten an, die weitere Entwicklung solch eines Systems übergreifend entlang der Elbe unterstützen zu wollen.

Digitales Meldeverfahren für Binnenschiffe

Ein erster Schritt zur Modernisierung der Binnenschifffahrt ist gerade vollzogen: Seit dem 15. April 2015 können sich Binnenschiffe im Hamburger Hafen über digitale Formulare an- und abmelden. Was in der Seeschifffahrt, im Bahnverkehr und bei Truckern seit vielen Jahren internationaler Standard ist, wurde in der Binnenschifffahrt lange stiefmütterlich behandelt. Bislang erreichten handschriftlich ausgefüllte Anmeldeformulare der Binnenschiffer die HPA per Fax. Das neue Online-Verfahren vereinfacht und verbessert den Meldeprozess. Außerdem können Stammdaten für Folgeanläufe gespeichert werden. In 2016 soll als nächster Schritt ein Webportal für die Meldeverfahren online gehen. Darüber hinaus hat die HPA eine digitale Karte der 106 öffentlichen Liegeplätze für Binnenschiffe veröffentlicht. Viele Plätze waren den Binnenschiffern nach Einschätzung der Hafenbehörde nicht ausreichend bekannt. Die Karte informiert darüber hinaus über Ausstattungsmerkmale der Liegeplätze und wird kontinuierlich weiterentwickelt und ergänzt.

Zentrale Koordinierungsstelle für die Hafenanläufe von Binnenschiffen

Die Terminals kritisieren vor allem zu kurzfristige Anmeldungen von Binnenschiffen, Abweichungen bei den Ladungsmengen, Datenunsicherheiten bei der Stausituation der Container auf den Binnenschiffen und die häufig noch papierbasierten Prozesse. Um dem entgegenzuwirken, könnte zukünftig die Hamburger Feeder Logistik Zentrale (FLZ), die von den beiden Containerterminalbetreibern HHLA und EUROGATE gegründet wurde, eine Koordinierungsfunktion für Binnenschiffe übernehmen. Die FLZ steuert seit 2009 die Terminalrundläufe von Feederschiffen im Hamburger Hafen und hat dabei direkten Zugang zu den Containerterminal-Systemen. Als neutrale Koordinationsstelle zwischen Reeder und Terminals könnte die FLZ auch die Binnenschiffsabfertigungen innerhalb des Hafens optimieren. Statt beispielsweise vier Ansprechpartner von vier verschiedenen Terminals hätten die Binnenschiffer nur noch einen zentralen 24/7 erreichbaren Ansprechpartner bei der FLZ für die Rundlaufkoordination und Stauplanung. Die Reeder würden durch eine optimierte Hafenrotation ihrer Schiffe profitieren und die Terminals von einer effizienteren Nutzung der Terminalinfrastruktur. So könnten die Prozesskosten reduziert und die Abfertigungszeit verkürzt werden. Die FLZ hätte einen Gesamtüberblick aller Liegeplatzauslastungen, um flexibel auf freie Abfertigungsslots zu reagieren und auch im Falle von operativen Störungen Lösungen für eine kurzfristige Rotationsänderung der Schiffe auszuarbeiten und abzustimmen. Außerdem könnte die FLZ die Stauplanung der Binnenschiffe übernehmen. Die spezialisierte Software, die für die Containerstauplanung für Feederschiffe eingesetzt wird, könnte auch entsprechend für eine Optimierung der Binnenschiffs-Stauplanung angepasst werden. Ein möglicher Einsatz dieser Software für Binnenschiffe wurde bereits geprüft. Auf dem Binnenschifffahrtstag hat die FLZ den Binnenreedern ein gemeinsames Pilotprojekt angeboten, das noch dieses Jahr durchgeführt werden könnte und keine Kosten für die Binnenschiffer verursachen würde.

Nutzung der Binnenschifffahrt für Leercontainerlogistik und hafeninterne Umfuhren

Auch für hafeninterne Umfuhren und den Transport von Leercontainern zu Depots soll das Binnenschiff verstärkt eingesetzt werden. 2014 wurden rund 72.000 TEU umweltfreundlich auf den Wasserstraßen zwischen den Containerterminals bewegt. Das Potenzial diesen Anteil zu erhöhen ist immens. Rund 90 Prozent der Umfuhren werden per Lkw abgewickelt. Das führt vor allem auf der Köhlbrandbrücke und der Kattwykbrücke zu Verkehrsengpässen. Um die Leercontainerdepots wasserseitig besser für Binnenschiffe anzubinden, investieren die HPA und die Depots in den Ausbau der Infra- und Suprastruktur. So werden unter anderem der Neuhöfer Kanal für einen tideunabhängigen Umschlag ausgebaut, Binnenschiffsanleger geplant und neue Kräne für die Be- und Entladung von Binnenschiffen in Betrieb genommen.

Kategorisierung der Wasserstraße Elbe im Bundesverkehrswegeplan

All diese und weitere Projekte verdeutlichen, dass die Binnenschifffahrt in und für Hamburg eine sehr wichtige Rolle spielt, das große Potenzial dieses umweltfreundlichen Verkehrsträgers erkannt wurde und ein gemeinsames Interesse an der weiteren Stärkung und Modernisierung besteht.

Auch die Forderungen nach einer Kategorisierung der Elbe im Bundesverkehrswegeplan werden immer lauter: „Das Bundesverkehrsministerium kann nicht viele Millionen Euro in den Ausbau von Häfen im Binnenland investieren und dann nicht dafür sorgen, dass die Häfen auch wasserseitig verlässlich erreichbar sind“, so Ingo Egloff, Vorstand des Hafen Hamburg Marketing e.V. Von Hamburg bis nach Tschechien fordern die Länder eine mittlere Fahrrinnentiefe von 1,60 Meter an mindestens 345 Tagen im Jahr. Heute liegt die Fahrrinnentiefe der Mittel- und Oberelbe auf acht von neun Elbeabschnitten noch nicht bei der vom Bund zugesagten Tiefe von 1,60 Meter, sondern nur zwischen 1,18 und 1,38 Meter. „Das ist zur Abwicklung regelmäßiger Binnenschiffsverkehre nicht ausreichend“, kritisiert Egloff. Der Hafen Hamburg Marketing Vorstand setzt sich mit seiner Organisation und deren Mitgliedsunternehmen für die Erstellung eines Gesamtkonzeptes Elbe ein.

 

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