Kooperation statt Konkurrenz

100 Teilnehmer aus Hafenwirtschaft, Logistik-, Pharma- und Chemiebranche diskutierten beim 4. See-Hafen-Kongress in Hamburg über die Zukunft der Küstenregion, Anforderungen der Chemiebranche an die Seehäfen und notwendige Maßnahmen für eine effiziente Hinterlandanbindung

Vor welchen Herausforderungen steht die maritime Wirtschaft? Hafen Hamburg Marketing e.V. und die UMCO Umwelt Consult GmbH hatten ins Empire Riverside Hotel in Hamburg geladen, um mit rund 100 Teilnehmern aus Hafenwirtschaft, Logistik-, Pharma- und Chemiebranche beim 4. See-Hafen-Kongress Probleme und Lösungen zu diskutieren. Gemeinsam handeln, um angesichts steigender Ladungsmengen zukunftsfähig zu sein, lautete der einhellige Tenor, der sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung zog. „Das Wort Konkurrenz muss durch Kooperation ersetzt werden“, sagte Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch in Bezug auf die norddeutschen Küstenländer, die er in seiner Eröffnungsrede zu mehr Geschlossenheit aufrief. Es gehe jetzt darum, die bestehende Zusammenarbeit der Seehäfen an der Unterelbe weiter voranzutreiben und länderübergreifend zu denken, vor allem bei großen Infrastrukturprojekten, um das Wachstum im Seegüterverkehr bewältigen zu können und international wettbewerbsfähig zu bleiben.

Dass sich die Branche wieder im Aufwind befindet, zeigen die Zahlen: Um 9,1 Prozent stieg der Gesamtumschlag in Hamburg im vergangenen Jahr - auf 132,2 Millionen Tonnen. „Es bedarf großer Anstrengungen, um weiteres Wachstum bewältigen zu können“, so Claus Brandt, Leiter des Maritimen Kompetenzzentrums bei PricewaterhouseCoopers. Ansiedlungsmöglichkeiten für die Industrie müssten im Hafen geschaffen werden, die Fahrrinne der Elbe angepasst, Terminalkapazitäten und Umschlagflächen ausgebaut und wichtige Infrastrukturprojekte, wie die Y-Trasse, die Hafenquerspange und der Neubau der Köhlbrandbrücke, vorangetrieben werden. „Ich kann nur dringend empfehlen, dass bald Entscheidungen getroffen werden, damit die erforderlichen Infrastrukturmaßnahmen zeitnah in die Wege geleitet werden können“, so Brandt.

Welche Rahmenbedingungen zur Standortsicherung der norddeutschen Häfen verbessert werden müssen, war Thema in allen Themenrunden. In der ersten Diskussionsrunde ging es um die Küstenregion als Wirtschaftsraum. Frank Schnabel, Geschäftsführer von Brunsbüttel Ports und Sprecher der Hafenkooperation Offshore-Häfen Nordsee SH: „Die Küste erlebt eine Renaissance. Sie gewinnt an Attraktivität, vor allem bei den Industrieunternehmen des verarbeitenden Gewerbes mit großer Im- und Exportabhängigkeit.“ Ursache seien die steigenden Transportkosten von Gütern auf der Straße, während der Seetransport günstiger werde. Die Seehäfen Hamburg, Stade, Glücksstadt, Brunsbüttel und Cuxhaven kooperieren bereits bei Themen wie Flächenmanagement und Marketing, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Eine große Herausforderung ist das Thema Offshore-Windenergie. 10.000 Offshore-Windanlagen sollen in den nächsten Jahren in 82 Windparks in der deutschen Nordsee entstehen. „Es geht darum, die Milliarden-Investitionen, die in die Kraftwerke fließen, aufzuteilen. Dafür müssen sich die deutschen Häfen jetzt fit machen und eng zusammenarbeiten, um gegen die Konkurrenz aus dem europäischen Ausland, wie zum Beispiel aus Esbjerg, zu bestehen“, mahnte Norbert Giese, Vice President Offshore Development der REpower Systems SE.

Den Bedürfnissen der Chemiebranche widmete sich die zweite Themenrunde. Von den 132 Millionen Tonnen Seegüterumschlag entfallen rund 24 Prozent auf chemische Erzeugnisse und Gefahrgut. Was erwartet die Branche von einem Seehafen wie Hamburg? „Hamburg ist aufgrund seiner exzellenten Anbindung an die Staaten des Ostseeraums ein interessanter Standort für die Chemiebranche, aber es fehlen Abfüllanlagen, Läger und Silos“, kritisierte Thomas Drobisch, Leiter Logistik & Kundenservice der Krahn Chemie GmbH. Dabei könne die Ansiedlung von Chemiebetrieben Arbeitsplätze schaffen und den Wirtschaftsstandort Hamburg weiter stärken. Derk Christoph Proff, Geschäftsführer der Hachemie GmbH, kritisierte außerdem die zeitaufwändigen Genehmigungsverfahren für Chemiegüter in Hamburg: „Wir wünschen uns von den Hamburger Behörden eine höhere Priorität bei genehmigungsrechtlicher Unterstützung und ein offenes Ohr für Investoren.“ Klaus Wessing von der Helm AG schlug vor, die Interessen und Wünsche des produzierenden Chemiegewerbes für die Chemiehändler zu bündeln: „Wir sollten uns auch mit den Hamburger Logistikdienstleistern zusammensetzen und gemeinsam ein Chemie-Cluster schaffen.“

Eine große Herausforderung für die maritime Wirtschaft ist der Fachkräftemangel – vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des steigenden Personalbedarfs. „Die Logistikbranche hat den Mangel an qualifiziertem Personal erkannt, tut aber zu wenig“, kritisierte Bernd Jahn, Projektleiter Unternehmensentwicklung des Bildungsträgers ma-co maritimes competenzcentrum, in der dritten Themenrunde. Die Personalfindung werde immer schwieriger. Jahn: „Wir müssen uns davon verabschieden, den richtigen Mitarbeiter finden zu wollen. Wir müssen das Personal so schulen, dass es auf das erforderte Jobprofil passt, und uns auf Quereinsteiger einstellen.“ Die GHB (Gesamthafenbetriebs-Gesellschaft) kennt das Problem, passende Mitarbeiter am Markt zu finden. Die Anforderungen an Flexibilität und Zuverlässigkeit steigen. Auf dem Kongress meldete sich dazu Bernt Kamin-Seggewies, Bereichsleiter der GHB zu Wort: „Wir müssen die Rahmenbedingungen für die Arbeitsorganisation zur Abfertigung der großen Schiffe anpassen, denn heute brauchen wir mal 400 Mitarbeiter und am nächsten Tag dann nur noch zwölf. Dazu brauchen wir attraktive Tarifverträge“.

Ein weiterer Engpass wird bei steigendem Seegüterverkehr auf die Hinterlandanbindung der Seehäfen zukommen. „Die Verlader wünschen sich von der maritimen Supply Chain einen zuverlässigen und günstigen Transport, am liebsten ein All-Inclusive-Paket“, sagte Rüdiger Grigoleit, Vorsitzender des Deutschen Seeverladerkomitees im Bundesverband der Deutschen Industrie. Der IST-Zustand sehe jedoch folgendermaßen aus: Die Vernetzung funktioniere selten über alle Verkehrsträger, es kämen Verzögerungsmeldungen und die Informationen erreichten nicht alle Beteiligten der Supply Chain. „Das Volumenwachstum kann nur funktionieren, wenn der Verkehr auf der Landseite auch klappt. Was in Hamburg fehlt, ist ein Supply Chain Koordinator, nach Vorbild der Hamburger Feeder Logistik Zentrale, der freie Kapazitäten in der bestehenden landseitigen Infrastruktur erkennt und bündelt“, so Grigoleit. Die Hamburger Hafen und Logistik AG plant für die landseitigen Verkehrsträger, Zeitfenster zu vereinbaren, um den Verkehr im Zu- und Ablauf der Terminals besser in Fluss zu halten. Der Spediteur Hans Stapelfeldt forderte die Umschlagbetreiber auf, von den Speditionen höhere Datenqualität abzufordern, wenn sie schneller abgefertigt werden wollen. Bisher seien zum Beispiel nur 30 Prozent der Container-Trucker an das IT-Netz im Hafen angebunden. Ziel sei es, die Zahl auf mindestens 70 Prozent zu erhöhen. „Jeder dritte LKW wartet, obwohl die Ware noch gar nicht da ist, und verstopft die Straße. Anreizsysteme für Quick-Trucker könnten die Straßen im Hafen entlasten“, so Stapelfeldt. Ein weiterer Lösungsansatz zur besseren Verkehrsverteilung sei die Einrichtung von Satelliten-Hubs außerhalb des Hafengebietes. Andreas Rieckhof, Staatsrat der Hamburger Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation, warnte angesichts sinkender Haushalte vor zu hohen Erwartungen an Infrastrukturausbauten. „Das Wachstum muss über verbesserte Prozesse gelöst werden. Das kann nur klappen, wenn alle Beteiligten noch stärker zusammenarbeiten.“ In einem Punkt waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig: Man wünsche sich eine ganzheitliche, bundesdeutsche Hafenpolitik.

Ein Höhepunkt des Kongresses war der Vortrag von Björn Engholm, Aufsichtsratsvorsitzender der Lübecker Hafen-Gesellschaft mbH und ehemaliger Ministerpräsident Schleswig-Holsteins über die logistische Meisterleistung des Zusammenschlusses des Nordens durch die Hanse und die Eigenarten der im Norden lebenden Menschen. Großes Interesse fand auch die von den Veranstaltern organisierte Exkursion zur Internationalen Bauausstellung IBA Hamburg und die Abendveranstaltung im IBA DOCK, Deutschlands größtem schwimmenden Ausstellungs- und Bürogebäude.

Die Veranstalter zeigten sich mit dem Kongress sehr zufrieden. Hafen Hamburg Marketing Vorstand Axel Mattern: „Die Diskussionsrunden waren qualitativ hochwertig und spannend. Wir haben die Themen aufgegriffen, die die maritime Wirtschaft bewegen – das zeigte auch die Beteiligung des Publikums.“ Ulf Inzelmann, Geschäftsführer von UMCO, ergänzte: „Der See-Hafen-Kongress hat sich als strategisches Diskussionsforum etabliert. In zwei Jahren geht es weiter: mit dem 5. See-Hafen-Kongress.“

 

Der 4. See-Hafen-Kongress fand in Hamburg statt
Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch
Die beiden Veranstalter begrüßten rund 100 Teilnehmer zum Kongress
Axel Mattern, Vorstand Hafen Hamburg Marketing e.V.
Ulf Inzelmann, Geschäftsführer UMCO
Themenrunde: Zukunft der Küstenregion als Wirtschaftsraum
Themenrunde: Ausbau der Value Added Services für Chemie und Pharma im Umfeld der Seehäfen
Themenrunde: Zielorientierte Personalentwicklung: Kompetenzen definieren, erfassen und managen
Themenrunde: Anforderungen an die Hinterlandanbindung der Seehäfen
Björn Engholm

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